|
TANTRA - Ausbreitung des Wissens in den Energiezentren?
Tantra (Sanskrit, n., "Gewebe, Kontinuum, Zusammenhang") ist eine in Indien entstandene esoterische Form, ursprünglich des Hinduismus und später des Buddhismus (vgl. Vajrayana) innerhalb der nördlichen Mahayana-Tradition. Die Ursprünge des Tantra beginnen im 2. Jahrhundert, in voller Ausprägung liegt die Lehre jedoch frühestens ab dem 7./8. Jahrhundert vor. Im Buddhismus ist auch der Begriff Tantrayana gebräuchlich (Tantrayāna, "Fahrzeug der Tantra-Texte").
Das Wort Tantra wird von der Sanskritwurzel tan (ausdehnen) abgeleitet. Tantrismus bedeutet somit allumfassendes Wissen oder Ausbreitung des Wissens. Die menschliche Erfahrung verdankt ihm Entdeckung und Lokalisierung der Energiezentren (Chakras)- im menschlichen Körper. Jedes Individuum ist gemäß tantrischer Lehre eine Manifestation dieser Energie, und die Dinge um uns sind das Produkt des gleichen Bewusstseins, das sich immerfort auf verschiedene Weise offenbart.
Inhaltsverzeichnis
* 1 Entstehung
o 1.1 Geschichte des buddhistischen Tantra
o 1.2 Einteilungen des buddhistischen Tantra
+ 1.2.1 äußeres Tantra
+ 1.2.2 inneres Tantra
# 1.2.2.1 Alte Übersetzungstradition
# 1.2.2.2 Neue Übersetzungstradition
* 2 Literatur
* 3 Siehe auch
* 4 Weblinks
Entstehung [Bearbeiten]
Vajravarahi Mandala (Tibet, 19. Jh.)
Vajravarahi Mandala (Tibet, 19. Jh.)
Buddhistisches Tantra (oft auch mit dem Begriff Vajrayana gleichgesetzt) basiert auf dem altruistischen Weg des Mahayana. Zentrales Element des Mahayana ist die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes und es wird als der Weg der Bodhisattvas bezeichnet. Tantra ist ein eigenes Fahrzeug innerhalb des Buddhismus und wird in der tibetischen Literatur meist mit dem Begriff Geheimes Mantra-Fahrzeug bezeichnet. Zusammen mit Dzogchen bildet es das Fahrzeug der Frucht, da die Methoden sozusagen das Ergebnis der Praxis vorwegnehmen. Tantra ist der Weg der Transformation und Praktizierende des Tantra visualieren so genannte Meditationsgottheiten (tib. Yidam). Sie streben dabei an, die Verwirklichungen dieser Gottheiten, welche Buddhas und Bodhisattvas sind, selbst zu erhalten; dazu dienen neben der Visualisation auch Mantras und Mudras. Die Meditationsgottheiten können in friedvollen, zornvollen und freudvollen Formen erscheinen. Viele Gottheiten werden in sexueller Vereinigung (tib. yab-yum, d. h. Vater-Mutter) dargestellt und visualisiert. Tatsächliche sexuelle Praktiken sind aber - auch aufgrund der großen Rolle der Mönchstradition vor allem in der Gelug-Tradition - die Ausnahme, und ihre Verbreitung ist schwer einzuschätzen. Naturgemäß sind sie in jenen Traditionen eher zu finden, deren Lamas verheiratet sind (Nyingma, Sakya und Kagyü), als dort, wo ordinierte Mönche lehren (Gelug). Ein dem buddhistischen stark verwandtes Tantra findet sich auch in der tibetischen Bön-Religion. Die Praxis von Tantra setzt eine Ermächtigung, üblicherweise in Form eines spezifischen Rituals (Einweihung, tib. Wang [dbang]), oder wenigstens einer Hörübertragung, durch einen entsprechend qualifizierten Meister voraus. Im Tantra dient das Mandala als Symbol der reinen Dimension der Meditationsgottheit, die sich im Zentrum befindet, wobei ihre Dimension als nichtduale Manifestation zu sehen ist.
Geschichte des buddhistischen Tantra [Bearbeiten]
Die Texte, welche das buddhistische Tantra übermitteln, werden ebenfalls als Tantras bezeichnet, im Unterschied zu den Sutras, welche Lehrreden des Buddha beinhalten. Während in einigen Tantras, beispielsweise dem Kalachakra-Tantra, gesagt wird, Buddha Shakyamuni habe sie in einer nichtmenschlichen Dimension gelehrt, werden in vielen anderen Tantras ausdrücklich Buddhas oder Bodhisattvas der Dharmakaya- und Sambhogakaya-Dimension als Quelle genannt. Die tibetische Tradition nimmt aber nicht an, dass quasi eine Person diese Tantras geschaffen hat. Historisch gesehen sind sie durch die Mahasiddhas, verwirklichte Praktizierende, die sie in reinen Visionen erhalten haben, in die mündliche Überlieferung gebracht worden. Als Termas werden auch heute noch Tantras (wieder-)entdeckt.
Einteilungen des buddhistischen Tantra [Bearbeiten]
Das buddhistische Tantra wird in ein äußeres und ein inneres Tantra unterteilt. Die Einteilung in äußeres Tantra ist in allen tibetischen Vajrayana-Schulen gleich.
äußeres Tantra [Bearbeiten]
Zum äußeren Tantra zählen Kriyatantra, Caryatantra und Yogatantra. Zum kriyâtantra rechnen jene Schriften, die von äußeren, öffentlichen wie gesellschaftlichen Praktiken handeln, dazu gehören z.B. Zauber wie Regenmachen, Mittel gegen Schlangenbisse, Zeremonien für Statuen und Schreine; zum caryâtantra rechnen jene, die ein Gleichgewicht zwischen äußeren und inneren Praktiken behandeln, dazu gehören Anweisungen ethischer wie moralischer Natur und Wissensvermittlung; zum yogatantra rechnen Schriften wie das Tattvasamgraha, die sich der yogischen Praxis, den Mitteln, upâya, der transzendenten Weisheit, prajñâ, sowie der Vereinigung des Individuums mit der letzten Wirklichkeit widmen; Die Erkenntnis der letzten absoluten Wirklichkeit wird insbesondere durch die inneren Tantra verwirklicht.
inneres Tantra [Bearbeiten]
Die Einteilung der inneren Tantra unterscheidet sich in der Schule der alten Übersetzungen von der der Schulen der Neuen Übersetzungen.
Alte Übersetzungstradition [Bearbeiten]
In der Schule der Alten Übersetzungen teilen sich die inneren Tantra in Maha-, Anu- und Atiyoga auf. Das erste, Mahayoga, entspricht dem Anuttaratantra. Der zweite, Anuyoga, ist eine Tantraform, welche eng mit dem dritten, Dzogchen oder Atiyoga, zusammenhängt. Letzteres ist eigentlich kein Teil des Geheimen Mantrafahrzeugs, sondern stellt einen methodisch eigenständigen Weg dar, welcher aber in der Systematik mit Maha- und Anuyoga zusammengefasst wird.
Neue Übersetzungstradition [Bearbeiten]
Kalachakra-Gottheit in freudvoller Vereinigung
Kalachakra-Gottheit in freudvoller Vereinigung
Die inneren Tantra werden in den Schulen der Neuen Übersetzungen nach dem Tibeter Bu-ston (1290-1364) neben dem äußeren Tantra als Anuttarayogatantra bezeichnet. Anuttarayogatantra entspricht in etwa dem Mahayogatantra der Schule der alten Übersetzungen. Bei den Anuttarayogatantras können drei Typen unterschieden werden: so genannte Vater- [upâya, dâka, pitr] Tantras wie das Guhyasamâjatantra und Mutter- [prajñâ, yoginî, dâkinî, matr] Tantras wie das Hevajratantra, sowie so genannte nichtduale Tantras wie das Kalachakra-Tantra.
Als einen Aspekt der Praxis des inneren Tantra finden sich auch Übungen mit den so genannten inneren Winden (tib. Lung [rlung]) und Tropfen (tib. Thigle [thig le]), welche sich in Energiekanälen (tib. Tsa [rtsa]) und Chakras (tib. Khorlo ['khor lo]) bewegen.
Das buddhistische Tantra ist auch noch in einigen anderen Schulen zu finden. Spätere Strömungen sind das chinesische Chen-yen, das japanische Shingon.
|